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28. September 2021

It’s the Reputation, Stupid!

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It’s the Reputation, Stupid!

Von Eduard Kaeser, 03.10.2020

Das Versprechen des Informationszeitalters, die Menschen autonomer zu machen, verkehrt sich ins Gegenteil. Zur Orientierung braucht es die Fähigkeit, Informationen zu bewerten.

Wissen ist Macht, so sagt man, und Informiertheit macht uns unabhängiger. Unsere hyperinformierte, hypervernetzte Gesellschaft deutet freilich das Gegenteil an: Die zunehmende Informiertheit macht uns nicht kognitiv autonomer, sondern vielmehr abhängiger vom Urteil anderer Leute oder auch künstlicher Ratingsysteme. Das Informationszeitalter tritt in eine neue Phase, in jene der Reputation. Information hat nur dann einen Wert, wenn sie ein Ranking hat, „gehashtagt“ ist, die Insignien eines Netzstammes trägt. Wir stützen uns auf das bereits gefilterte, evaluierte, kommentierte, geteilte Urteil anderer, die wir meist gar nicht selber kennen.

Reputation als Gütesiegel von Information

Wenn man jemanden fragt, warum er an den Klimawandel glaube (oder nicht glaube), dann dürfte die häufigste und plausibelste Antwort heute lauten: Weil ich den einschlägigen Berichten aus den Medien vertraue: Zeitungen, Magazinen, Fernsehkanälen, Websites. In der Regel lesen wir nicht einschlägige Artikel im „International Journal of Climatology“, sondern filtrierte und lesetaugliche Abstracts von verlässlichen Journalisten. Unser Vertrauen ist also, genau besehen, bereits zweiter Ordnung: Wir vertrauen Journalisten, die Forschern vertrauen. Wir sind als Laien kaum in der Lage, die wissenschaftliche Debatte aus erster Hand zu verfolgen. Deshalb beruft man sich nicht so sehr auf die Information als auf die Reputation der Informanten. Reputation ist das Gütesiegel von Information.

Es ist deshalb wohl kein Zufall, dass zahlreiche Sabotageakte an unserem Informationssystem gerade auf die Reputation abzielen. Ein notorisches Beispiel bieten die Verschwörungstheorien. Sie unterminieren häufig den Ruf etablierter Wissenschaft. Nehmen wir den Fall der Mondlandung. Eine hartnäckige Verschwörungshypothese behauptet, dass nie jemand 1969 den Mond betreten habe, das ganze Appollo-Programm ein Riesenfake sei. Der Urheber dieser Theorie, Bill Kaysing, arbeitete in einer Firma, die Raketentriebwerke herstellte. Auf eigene Kosten publizierte er sein Buch „We Never Went to the Moon“ (1976), eine Quelle nie versiegender Skepsis gegenüber dem angeblichen Raumfahrtschwindel. So verbreitet noch heute die „Flat Earth Society“ die Botschaft, die Mondlandung sei eine Hollywood-Inszenierung von Walt Disney gewesen, unter der Regie von Stanley Kubrick.

Das Sicherheitsnetz eines Reputationssystems

Man kann solche Hypothesen leicht weglachen. Geht man mit sich allerdings etwas strenger ins Gericht, wird man zugeben müssen, dass die Evidenz für den eigenen Glauben an die Mondlandung meist dürftig ist. Man erinnert sich vielleicht an Schlagzeilen in den Zeitungen oder an Fernsehsendungen mit Bruno Stanek und Eduard „Mond“-Stäuble – alles aus zweiter Hand. So weit sind wir also gar nicht von den „Flacherdlern“ entfernt. Und trotzdem: Warum lässt uns die spärliche Evidenzbasis nicht an der Mondlandung zweifeln? Weil wir uns im Sicherheitsnetz eines Reputationssystems befinden, das die Vertrauenswürdigkeit der Information verbürgt.

Nun muss man allerdings im gleichen Atemzug sagen: Diese Bürge-Funktion beginnt zu bröckeln, was sich symptomatisch an der wachsenden Schwierigkeit erkennen lässt, sich gegen Desinformation zu wappnen. Die Technologie der computergenerierten Bilder ermöglicht mittlerweile täuschend echte Fälschungen: „Deep Fake“. Bekannt geworden ist etwa das Video, das Nancy Pelosi, die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, betrunken zeigt. Der „gedokterte“ Clip eines – wie sich herausstellte – selbsterklärten „Politwachhundes“. 

Die neue Leitfrage „Woher stammt die Information?“

Es ist zu erwarten, dass Deep Fakes sich im Alltag endemisch verbreiten und damit die Informationsflüsse kontaminieren werden. Solche Praktiken unterminieren eine fundamentale Vertrauensbasis der Erkenntnis: unsere Sinne. Wir stützen uns in Alltagssituationen auf sie und orientieren uns an ihnen. Die Sinne trügen in der Regel nicht. Die eigene Augenzeugenschaft zum Beispiel ist eine relativ verlässliche erkenntnistheoretische Instanz. Nun unterhöhlen die neuen Techniken der Simulation dieses Grundvertrauen immer mehr. Was wir sehen, steht unter dem Apriori-Verdacht des Fake. 

Die Leitfrage lautet jetzt nicht nur „Was sagt mir diese Information?“, sondern auch „Woher stammt diese Information?“. Die Doppelfrage sollte unser intellektuelles Navigationsinstrument im Informationsuniversum sein. Darin spielen Bezugspunkte der Integrität eine immer wichtigere Rolle. Denn der Grundsatz der Aufklärung, dass Wissen uns frei mache, gilt nicht mehr im Zeitalter des Internets. Wenn ich eingangs sagte, dass der immer leichtere Zugang zu Information und Wissen uns abhängiger vom Urteil anderer Leute mache, dann muss ich nun diese Leute etwas spezifizieren. Es handelt sich nicht nur um autoritative Wissenschafter, kompetente Journalisten oder reflexionsfähige Politiker, sondern in weit grösserem Ausmass um Kanaillen, Bullshitter und Spinner. 

Reputations-Tracking und Bullshit-Identifikation

Und das ist ein grosses Problem. Wir benötigen heute eine neue elementare Kulturtechnik: das Vermögen, Bullshit zu identifizieren. Reife Bürgerinnen und Bürger des digitalen Zeitalters sollten kompetent darin werden, den Reputationspfad einer Information zu verfolgen; die Intentionen jener einzuschätzen, welche die Information in Umlauf brachten, und die Ansichten jener Autoritäten herauszufinden, welche der Information Glaubwürdigkeit verleihen. Reputations-Tracking könnte man das zeitgemäss nennen.

Wir werden nicht nur materiell zugemüllt, mit stofflichem Abfall, sondern auch immateriell, mit geistigem Abfall. In dieser Ökologie des Bullshits gewinnt die kognitive Fähigkeit, Bullshit überhaupt zu identifizieren, eine zentrale Bedeutung. Sie verkümmert weitgehend in den Augiasställen der Social Media. Damit korrespondierend erstarkt und verbreitet sich die Technologie der Manipulation. Die Ironie ist unübersehbar: Anfänglich feierten wir das Internet als Durchbruch zu einer weltweiten Kommunikation. Heute entpuppt es sich als Maschinerie der weltweiten Manipulation. 

Die Fähigkeit, Bullshit zu identifizieren, müsste daher als Kernbestandteil eines zeitgemässen Bildungskonzepts erkannt und anerkannt werden. „Calling Bullshit“ lautet der Titel eines neuen Buches, geschrieben vom Biologen Carl Bergstrom und vom Informatiker Jevin West: den Bullshit benennen. Das ist Fanal und anspruchsvolles Programm zugleich. Denn gegen die intellektuelle Vermüllung des Planeten genügt der Schlachtruf „Bullshit!“ nicht. Es braucht zahlreiche Fähigkeiten, um sich vom Unrat an manipulativer Information loszustrampeln, angefangen damit, dass man im gegenwärtigen Gezwitscher wieder mehr als 200 Zeichen lesen kann, über die Fähigkeit, Diagramme und statistische Numerologien zu interpretieren, wissenschaftlichen Behauptungen, die nur auf Korrelationen beruhen, mit Skepsis zu begegnen, bis zum Misstrauen gegenüber dem technologischen „Solutionismus“, speziell den oft exorbitanten Visionen der Künstlichen Intelligenz. Die Liste liesse sich fortsetzen.

The Message is the Massage

Man kann in der Dringlichkeit der Frage nach der Reputation einer Information das Symptom eines tieferen sozialen und kulturellen Malaise sehen. Kommunizieren und Informieren heisst immer auch Manipulieren: The Message is the Massage. Auch die Tiere tun das. Die Ethologen sprechen von der Machiavelli-Intelligenz: Tricksen, Täuschen, Übervorteilen. Unser aktuelles Kommunikationsverhalten lässt auf weiten Terrains sozialen Lebens – und das heisst immer mehr: in den sozialen Netzwerken – den beunruhigenden Charakter der freien Wildbahn erahnen. Es herrscht ein Selektionsdruck, unter dem man nur durch das Manipulieren des anderen erfolgreich besteht. Unsere Ethologie scheint sich jener der anderen Tiere wieder anzunähern. Man beobachte nur das äffische Twitterverhalten vieler menschlicher Primaten. So gesehen müssen wir dem Instandhalten oder Wiedererrichten eines Reputationssystems die eminente kulturelle Bedeutung zumessen, uns vor dem Rückfall in die freie Wildbahn zu schützen. Vielleicht ist es aber auch schon zu spät.

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