Störende Töne zur feierlichen Eröffnung

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Störende Töne zur feierlichen Eröffnung

Von Claudia Kühner, 30.09.2021

Wenn der Erweiterungsbau des Kunsthauses am 9. Oktober eröffnet wird, dann mischen sich unter die Freudenbekundungen auch kritische Kommentare.

Selbst der «Spiegel» hat dieser Tage schon darüber berichtet, und es ist davon auszugehen, dass das erst der Anfang war. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Sammlung Bührle, von deren rund 600 Werken etwa ein Drittel nun als Dauerleihgabe zugänglich für die grosse Öffentlichkeit im neuen Chipperfield-Bau ausgestellt werden wird. So der gemeinsame Wille von Stadt, Kunstgesellschaft Zürich und Stiftung Bührle. Die Bilder bleiben aber im Besitz der Stiftung.

Die Stadt erahnt das Konfliktpotential

Schon voriges Jahr formierte sich die Initiative «IG Transparenz», die eine kritische Auseinandersetzung mit der Sammlung und vor allem eine genaue Dokumentation fordert. Federführend sind hier Guido Magnaguagno, ehedem Vizedirektor des Kunsthauses, und der Historiker Thomas Buomberger, die schon 2015 zusammen den Band «Schwarzbuch Bührle» herausgegeben haben, sowie der grüne Gemeinderat Markus Knauss und der Ethnologe Heinz Nigg.

Die Stadt unter ihrer Präsidentin Corine Mauch merkte nach Erscheinen dieses «Schwarzbuchs», dass hier ein Konflikt drohte. Deshalb beauftragte sie 2017 den Wirtschaftshistoriker Matthieu Leimgruber (Universität Zürich) mit einer begleitenden Forschung, aber überwacht von einem Steuerungsausschuss aus Vertretern von Stadt und Kanton, Kunsthaus, Kunstgesellschaft sowie Bührle-Stiftung. In den Worten des Lehrstuhls lautete der Auftrag, «ausgehend vom Sammler und Unternehmer Emil Bührle zu untersuchen und darzustellen, welche Verbindungen, Interessenkonvergenzen und Interessenkonflikte zwischen Wirtschaft, Politik und Kunstmarkt vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg herrschten».

Das ist ausdrücklich keine Provenienzforschung. Sie  blieb und bleibt ausschliesslich in den Händen des Sammlungsleiters Lukas Gloor und ist somit nicht unabhängig. Esther Tisa Francini, Spezialistin für Provenienzforschung, früher Mitarbeiterin der Bergier-Kommission und heute im Museum Rietberg tätig, stellt Gloor gleichwohl ein ausgezeichnetes Zeugnis aus.

Protest und Rücktritt

Der Zürcher Historiker Erich Keller, bis vor einigen Monaten sozusagen mittendrin in dieser Kontroverse, tut das nicht. Keller war Teil des Forschungsteams von Matthieu Leimgruber, trat aber voriges Jahr unter Protest zurück. Lukas Gloor hatte in zwei Punkten andere Formulierungen verlangt, und die Stadt, bzw. das Steuerungskomitee, sowie Matthieu Leimgruber gaben diesem Begehren nach – ein Fall also von staatlichem Eingriff in die Forschungsfreiheit.

Es ging um die Erwähnung von Bührles Mitgliedschaft in einem rechtsradikalen Freikorps nach dem 1. Weltkrieg und um einen Kommentar Bührles gegenüber dem Nebelspalter von 1941, den als antisemitisch zu bezeichnen Gloor unterband – eine Textänderung, die nach entsprechenden Protesten rückgängig gemacht werden musste.

Erich Keller hat nun ein Buch über die aktuellen Vorgänge wie über die jahrzehntealte Vorgeschichte verfasst und seine Sichtweise dargelegt. Keine Polemik, sondern eine in sachlichem Ton gehaltene und quellenbasierte Darstellung, wenngleich mit einem klaren und sehr kritischen Standpunkt. Als persönliche Lektorin des Autors fungierte die Historikerin Lea Haller, Chefredaktorin von NZZ Geschichte und 2017/18 ebenfalls Mitglied im Forschungsteam Leimgruber. Das Buch sei jedem empfohlen, der sich noch einmal über die Causa Bührle informieren will.

Bührles Geschäfte und gesellschaftlichen Bemühungen

Erich Keller fasst den ganzen Komplex Sammlung und Stadt und dessen lange Geschichte mitsamt den wirtschaftlichen Aspekten ausgezeichnet zusammen. Dazu gehört die Darstellung der Rüstungsgeschäfte von Oerlikon Bührle  während und nach dem Weltkrieg, die ja das finanzielle Fundament der Sammlung lieferten. Er rollt die Geschichte dieser konfliktreichen Sammlung und der frühen Bemühungen Emil Bührles auf, mittels finanziellem Engagement für das Kunsthaus auch gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Davon zeugte schliesslich der 1958 eröffnete Bührle-Anbau des Kunsthauses.

Kellers Thema ist der teilweise unkritische Umgang mit dieser Sammlung und ihrem Begründer.  Dabei liefert er nicht unbedingt neue Erkenntnisse, denn Keller ist nicht der erste, der sich damit auseinandersetzt. So erschien schon 1981 im Limmatverlag der kritische Band «Die Bührle Saga» (Res Strehle, Jürg Wildberger, Dölf Duttweiler, Ruedi Christen, Rosa Lichtenstein), der nun aus gegebenem Anlass ergänzt und neu herausgebracht wird.

Zürichs Ambitionen als Kunststadt

Ein weiterer Schwerpunkt sind die Sammlung selber und ihre wissenschaftliche Bearbeitung – hier vor allem die Provenienzforschung –, deren Ergebnisse nun sozusagen von Stadt und Kunsthaus unhinterfragt übernommen wurden. Keller belegt, dass insbesondere der Zusammenhang von verfolgten beziehungsweise geflüchteten jüdischen Vorbesitzern und dem Zwang, ihre Kunstwerke noch in Deutschland (unter Wert) zu verkaufen, die dann später auf dem Markt auftauchten, von Lukas Gloor ausgeblendet wird. Ob ein Bild Raubkunst aus NS-Beständen oder sogenanntes Fluchtgut ist, worunter Kunst zu verstehen ist, die aus der Not in der Emigration verkauft werden musste, würde nicht kenntlich gemacht. Die Hintergründe von Verfolgung, Entrechtung, Ausplünderung und Vertreibung würden, so Keller, immer wieder ausgeblendet, verharmlost und relativiert.

Keller kritisiert auch das keineswegs neue Zusammenspiel und die teilweise problematischen personellen Verflechtungen von Behörden und Politik in dieser rot-grün regierten Stadt mit Kunsthaus und Stiftung Bührle bzw. dem Leiter der Sammlung. Im Vordergrund der städtischen Überlegungen zum Erweiterungsbau standen und stehen der Wert der Sammlung für Zürichs als Wirtschafts- Wissenschafts- und Kulturmetropole und ein Geschäft, von dem alle profitieren.

Denn die Sammlung Bührle weiter allein in Privatbesitz in einer Villa zu beherbergen, ist inzwischen auch wirtschaftlich nicht mehr möglich, nur schon angesichts von Sicherheitserfordernissen oder Versicherungssummen angesichts der Wertsteigerung. Die Stadt bekommt dafür eine Impressionistensammlung, die, so wird geworben, nur noch von jenen in Paris übertroffen wird. Was weiterhin fehlt, ist eine unabhängige Provenienzforschung – so das Fazit von Erich Keller.

Es lässt sich vorhersagen, dass so schnell keine Ruhe einkehren wird. Auch wenn sich das die Verantwortlichen vielleicht anders vorgestellt und gewünscht haben.

Erich Keller: Das kontaminierte Museum. Das Kunsthaus Zürich und die Sammlung Bührle. Rotpunktverlag 2021, 191 Seiten, Fr. 26

In Zürich wird jetzt viel darüber diskutiert, ob es wirklich richtig ist im neuen Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich die Werke der Sammlung Emil Bührle zu zeigen. Emil Bührle stiftete schon 1958 den Ausstellungssaal des Kunsthauses.
Emil Bührle war ein Kriegsgewinnler. Er profitierte vom Zweiten Weltkrieg wie andere Firmen und Banken der Schweiz und des Auslandes auch. Vergessen wir die Gegenwart vor lauter Bührle nicht: Krieg ist auch heute noch ein Geschäft. Deshalb wird auch heute noch von Privaten, der Schweizer Nationalbank, Banken, Versicherungen und Pensionskassen in die Rüstungsindustrie investiert, Milliarden. Laut ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, investierten schweizerische Geldhäuser 2019 sogar schamlos 8,983 Milliarden US-Dollar in Konzerne die Atomwaffen herstellen. Die Organisation ICAN, Friedensnobelpreisträger 2017 schreibt: «Das Schweizer Banken Geld in die Weiterentwicklung von Massenvernichtungswaffen investieren, ist umso erstaunlicher als dies in der Schweiz verboten ist. Seit der Revision des Kriegsmaterialgesetzes (KMG) vom 1. Januar 2013 gibt es ein gesetzliches Finanzierungsverbot von verbotenen Waffen. Darunter fallen auch Atomwaffen, welche in Art. 7 Abs. 1 lit. a KMG aufgeführt sind». Am 6. Oktober 2017 wurde ICAN der Friedensnobelpreis zugesprochen für „ihre Arbeit, Aufmerksamkeit auf die katastrophalen humanitären Konsequenzen von Atomwaffen zu lenken und für ihre bahnbrechenden Bemühungen, ein vertragliches Verbot solcher Waffen zu erreichen.
Daneben investieren Private, die Schweizer Nationalbank, Banken, Versicherungen und Pensionskassen auch skrupellos ihre Mittel in Rüstungskonzerne die konventionelle Waffen herstellen: Panzer, Kanonen, Gewehre, Kampfjets, Minen, Bomben, Kriegsschiffe, Drohnen usw. Die Investoren profitierten vom 20-jährigen so genannten Krieg gegen den Terror, der in Afghanistan begann, dann im Irak, in Libyen, in Syrien und anderen Ländern fortgesetzt wurde. Millionen Menschen kamen in diesem für die Investoren lukrativen Massakern um, wurden verletzt, wurden zu Flüchtlingen gemacht. Mit Aktien der Rüstungsindustrie wurden fette Gewinne erwirtschaftet, auch in der Schweiz.

SRF Archiv

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