Die Verantwortung des Einzelnen

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Die Verantwortung des Einzelnen

Von Stephan Wehowsky, 11.08.2021

Der aktuelle Weltklimabericht hat schlimmste Befürchtungen noch übertroffen. Und er wirft eine alte Frage auf.

Die Veränderung des Klimas ist nicht mehr eine Frage von mehr oder weniger einleuchtenden Zahlen. Umweltkatastrophen zeigen die Dramatik an. Und der aktuelle Bericht des Weltklimarats stimmt die Öffentlichkeit darauf ein, dass alles noch viel schlimmer kommen wird. Lässt sich noch irgendetwas gegen das Desaster tun?

Diese Frage wird vom Weltklimarat bejaht, aber von wem sollen die Veränderungen ausgehen? Als erstes denkt man an die ganz grossen Akteure, denen zugetraut wird, dass sie ganze Industrien umstellen könnten. Aber welche Rolle spielt dabei der einzelne Erdenbewohner? Hat sein Handeln irgendeine Relevanz?

Umweltverbände und andere Initiativen werden nicht müde, an die Verantwortung des Einzelnen zu appellieren. Er möge bitte seine Konsumgewohnheiten ändern, weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren, weniger Wegwerfprodukte kaufen und anderes mehr. Skeptiker wiederum weisen darauf hin, dass der «Fussabdruck» des Einzelnen rein rechnerisch so gut wie keinen Einfluss auf die weitere Entwicklung des Klimas hat. Also ist sein Handeln von so geringer Bedeutung, dass man ihn von jeder Verantwortung freisprechen kann.

Das aber ist ein vulgärmaterialistischer Trugschluss. Denn das Handeln des Einzelnen bemisst sich nicht nur an physikalischen Effekten. Es geht weit darüber hinaus. Der Einzelne beeinflusst mit seinen Überzeugungen und seinen Lebensstilen andere in seinem Umfeld, und daraus können Trends entstehen. Die Veränderung von Lebensstilen und Konsumgewohnheiten hat auch Einfluss auf die grossen wirtschaftlichen Akteure. Und wenn eine Mehrheit ersichtlich bereit ist, für die Rettung zukünftiger Lebensmöglichkeiten hier und jetzt Einschränkungen hinzunehmen, dann merkt das schliesslich auch die Politik.

Diese Art des Einflusses jedes Einzelnen auf andere wird notorisch unterschätzt. Und es wird auch unterschätzt, wie Bewusstseinsveränderungen zunächst kleiner Gruppen sich weltweit ausbreiten können. Man denke nur an die weltweiten Protestbewegungen Ende der 1960er Jahre. Und das kleine Europa hat einst seine Lebensformen in fernste Weltgegenden transportiert – nicht unbedingt zum Vorteil der jeweiligen lokalen Kulturen.

Die Macht der Ideen ist grösser als die aktuellen physikalischen Messwerte. Darin liegt die Verantwortung des Einzelnen. Es ist eben nicht egal, wie er lebt und was er konsumiert. Er übt Einfluss aus, der sich addiert, damit Nachfrage beeinflusst und auf die grossen Akteure einwirkt. Und er kann ganz im Kleinen einen Beitrag dazu leisten, dass auch Politiker erkennen, dass die Wähler, die sie so eilfertig umwerben, mehr als blosse Konsumenten sind.

Lieber Herr Wehowsky, die verantwortung des einzelnen in ehren. Die wirkung von ideen in ehren. Aber: die frage der macht! Ideen, bewegungen, einzelne sind - wie kommentare vorher bemerken - schon lange dran. Wer aber hat die macht und den willen, das nötige zu "machen"? Die konzern-systeme spielen eine andere macht-liga als wir konsumenten und abstimmenden. Wie entscheiden die gerichte - wie kürzlich am 26. mai das holländische gericht, wonach shell den co2-ausstoss reduzieren muss? Wann boykottieren wir gemeinsam umweltschädliche firmen? Es geht, glaub ich, jetzt um einen wirtschaftlichen kampf.

Danke Herr Wehowsky! Sie schreiben, was vielen nicht gefällt: Sie nehmen den Einzelnen in die Pflicht, was ihm missfallen könnte, weil seine Ausrede, wonach er eh nichts tun könne, obsolet wird. Der Einzelne kann immer etwas bewirken, meistens im Kleinen, das aber durchaus etwas Grösseres werden könnte. Als Konsument, was ja das Menschsein in dieser Gesellschaft schlechthin bedeutet, kann ich entscheiden, welches Produkt sozial- und umweltverträglich hergestellt wird. Natürlich ist nicht alles für den Einzelnen überprüfbar, aber ein Kaufverhalten nach bestem Wissen und Gewissen ist immer noch besser, als Augen zu und durch. Ebenso kann der Einzelne seine Mobilität einschränken oder eben - wie heutzutage - nicht. Es ist schon bemerkenswert, dass dem Sicherheitsdenken damit Rechnung getragen wird - in diesem Land ausgeprägt - mit einem SUV durch die Stadt zu kurven. Viele sind für eine ökologische Politik - nur selbst danach zu handeln, ist dann ungleich schwerer. In den Köpfen ist doch nach wie vor die Meinung dominierend: So schlimm wird es nicht werden und überhaupt, ich will leben! Wie das Leben in fünfzig Jahren aussehen könnte, ist weit weg. Ich lebe im Hier und Jetzt. Punkt.Schluss. Irgendwann könnte es dann wirklich Schluss sein mit den Illusionen, den Verdrängungen, dem Leben in einem mickrigen Kosmos. Es wäre gescheiter, heute damit anzufangen, etwas zu tun, dass der Welt eine Zukunft in Aussicht stellt.

Schön, dass es noch Journalisten gibt, denen die "kleinen" Lügen der Bürgerlichen und der Reaktionären noch einen Artikel wert sind.

Ich persönlich finde es ja krass, wie sehr deren Aussagen zu ähnlichen Themen divergieren können, ohne dass die Politiker zur Rede gestellt werden, ob sie sich bewusst sind, dass sie manchmal das genaue Gegenteil von dem sagen, was bei anderen Themen quasi ihr Mantra ist. Beispiel gefällig?

Wenn es um den heiligen Markt und den Verkauf von teuren Produkten geht, dann werden unsere bürgerlichen Politiker und auch die Ultranationalisten nicht müde, zu beteuern, dass sich der Markt ausschliesslich nach den Wünschen und dem Verhalten jedes einzelnen Kunden richtet und dass die Firmen nur das produzieren, was der einzelne Kunde wünscht.

Wenn es um die Auswirkungen des einzelnen Menschen auf das Klima geht, sind es die gleichen bürgerlichen Politiker, die behaupten, dass das Handeln des Einzelnen, oder auch das Handeln der kleinen Schweiz, rein gar keinen Einfluss auf die Industrie oder gar das gesamte System habe.

Findet jemand, ausser natürlich dem verehrten Herr Wehowsky, der den Finger schon mit dem Artikel auf den wunden Punkt legte, die krasse Unstimmigkeit in diesen Aussagen der Bürgerlichen und der Nationalisten?

Nachdem der Club of Rome vor 50 Jahren schon eindringlich gewarnt hat und bis heute nichts etwas gebracht hat, kann es jetzt nur noch eine Lösung geben: Durchregieren und durchbefehlen, wie es in dieser Corona-Krise jetzt erstmalig in dieser Generation so schön vor geübt wurde; so dass alle Menschen zu Hause bleiben und nicht mehr mehr verbrauchen und konsumieren, als sie zum absolut notwendigen Überleben in der Neuen Weltordnung noch benötigen. Auf der ganzen Welt besteht das einzige geförderte Ziel der menschlichen Entwicklung noch im Erreichen der Erleuchtung, wofür allen, die sich diesem Ziel angeleitet widmen und hauptsächlich meditieren, ein bedingungsloses Grundeinkommen ausbezahlt wird.

Ihre Theorie und Ihr Ansatz in Ehren- aber wie lange kennen wir das jetzt schon und hoffen darauf, dass diese "Bewegung" entsteht? Klar ist sie vorhanden- in einer mittleren Blase. Darauf basierend noch einen Umbau zu erhoffen ist nichts anderes als ein Hoffnungskonstrukt. Mittlerweile braucht es klare politische Entscheide. Kleines Beispiel: Abgaswerte beim Auto haben sich auch erst drastisch verbessert, als der Katalisator gesetzlich angeordnet wurde. Ähnliches kann man für das Gurtenobligatorium sagen. Klar, nicht 1:1 vergleichbar- aber jetzt noch darauf zu hoffen, dass sich rein mit der Popularisierung von Fleischverzicht und Ähnlichem noch eine Klimakatastrophe verhindern lässt ist pure Illusion.

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