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28. September 2021

Ein Dienstag wie kein anderer

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Ein Dienstag wie kein anderer

Von Ignaz Staub, 11.09.2021

Noch heute ist die Frage unbeantwortet, ob sich die Anschläge des 11. September 2001 und deren fatale Folgen hätten vermeiden lassen.

Eine Woche vor dem 11. September 2001 schrieb Richard Clarke, der Präsident George W. Bush bei der Terrorbekämpfung beriet, an Condoleezza Rice, die Sicherheitsberaterin des Weissen Hauses: «Ist es uns ernst mit der Bedrohung, die von al-Kaida ausgeht?». Osama bin Laden hatte drei Jahre zuvor in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC «eine schwarze Zukunft für Amerika» prophezeit: «Statt die Vereinigten Staaten zu bleiben, wird das Land als getrennte Staaten enden und die Leichen seiner Söhne nach Amerika heimschaffen müssen.»

Schon 1996 hatte Khaled Sheikh Mohammed, der Chefplaner der 19 Attentäter von 9/11, dem Saudi nach dessen Ankunft in Afghanistan vorgeschlagen, die USA mit Flugzeugen zu attackieren. 1998 erliess Bin Laden eine Fatwa, die proklamierte, es sei die persönliche Pflicht aller Muslime, «Amerikaner zu ermorden in jedem Land, wo das möglich ist». Indes befindet sich der pakistanisch-stämmige Mohammed, inzwischen 57-jährig, noch immer ohne abschliessenden Prozess im US-Gefangenlager in Guantánamo Bay (Kuba).

Am 6. August 2001 fand im Weissen Haus ein Briefing statt, das unter dem Titel «Bin Laden entschlossen, in den USA zuzuschlagen» lief. Es war seit Jahresbeginn das 36. Briefing, das sich entweder mit Osama bin Laden oder mit Al-Qaida beschäftigte. Präsident George W. Bush reagierte irritiert. «In Ordnung. Sie haben Ihren Arsch gerettet», motzte er den Referenten angeblich an.

Mangelndes Interesse

Das Thema Terror stiess also nicht auf grosses Interesse, obwohl Mitte der 1990er-Jahre bereits die Bundespolizei FBI und der Geheimdienst CIA vor möglichen Terrorattacken gewarnt und nationale Symbole wie das Weisse Haus oder das Capitol als mögliche Ziele genannt hatten: «Wir kommen zum Schluss, dass die zivile Luftfahrt prominent unter möglichen Zielen der Terroristen in den USA figurieren wird.»

Doch Präsident Bill Clinton sah damals laut Autor Steve Coll Bin Laden als «isolierten Fanatiker, der zwar gefährlich, aber weltfremd gegen die Kräfte des globalen Fortschritts um sich schlug», während sich die Regierung von George W. Bush in ihrem ersten Amtsjahr lieber mit Grossmachtpolitik, der Raketenverteidigung und China beschäftigte.

Im Übrigen hatte sich zu jener Zeit ein Beamter des US-Aussenministeriums über die Passivität des Pentagon beklagt: «Muss al-Kaida das Pentagon attackieren, um dessen Aufmerksamkeit zu wecken?». Derweil warnte ein besorgter FBI-Vorgesetzter in Minneapolis seine Kollegen in Washington DC vor vermuteten terroristischen Umtrieben und unterstrich, er versuche jemanden davon abzuhalten, «ein Flugzeug zu kapern und ins World Trade Center zu crashen». Solche Warnungen stiessen jedoch auf taube Ohren, nicht zuletzt, weil Regierungsstellen wie das State Department und das Pentagon oder das FBI und die CIA einander nicht grün waren und sich erbittert konkurrenzierten.

Unbeeindruckt von Warnungen

In seinen 2004 erschienenen Memoiren erinnert sich Richard Clarke an 9/11 und an eine Nation, die zu arrogant und zu selbstbewusst war, um mögliche Gefahren rechtzeitig erkennen zu können: «Amerika, leider, lässt sich von Warnungen vor einem Desaster nicht beeindrucken. Unser Land scheint unfähig zu sein, all das vorzukehren, was nötig ist, bis es zu einer schrecklichen Kalamität gekommen ist.»

Zehn Jahre vor 9/11 hatte eine Gallup-Umfrage von Amerikanerinnen und Amerikanern wissen wollen, wovor sie sich am meisten fürchteten. Sie hatten 1991 am meisten Angst vor Schlangen, während sich 18 Prozent vor dem Fliegen ängstigten. Ende September 2001 befürchtete laut einer weiteren Befragung fast die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung, sie könnte Opfer eines Terroranschlags werden.

Im Oktober später tauchte erstmals das Syndrom «general anxiety disorder» (generelle Angststörung) in medizinischen Artikeln auf. War der Begriff «Islamophobie» in der «New York Times» vor 9/11 lediglich ein Mal aufgetaucht, hat ihn die Zeitung seither in 716 Artikeln thematisiert.

Wendung zum Schlechteren

Heute meinen laut einer Umfrage von «Washington Post» und ABC News 46 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner, unter ihnen mehr Republikaner als Demokraten, dass 9/11 die Vereinigten Staaten zum Schlechteren verändert hat. 33 Prozent finden das Gegenteil. Acht von zehn Befragten sind überzeugt, die Terroranschläge hätten das Land nachhaltig umgewandelt. Noch 2002 waren 55 Prozent der Bevölkerung überzeugt gewesen, das Land habe sich zum Bessern verändert.

«In den Archiven der Tage vor einer Tragödie herrscht immer eine unheimliche Stille», schreibt im Londoner «Guardian» Autor Tim Adams: «Die Zeitungen am Vortag der Jungfernfahrt der Titanic oder die Berichte am Vorabend des Besuchs von Präsident Kennedy in Dallas nehmen danach für immer die Patina unschuldiger, sonnenbeschienener Aufnahmen einer unerwartet verstorbenen geliebten Person an.»

Der Sommer vor 9/11 war jedenfalls, wie es die feuchtheissen Sommer in Washington DC in der Regel sind, relativ ereignisarm gewesen. Nachdem in Pensacola (Florida) ein Hai einem Achtjährigen aus Mississippi den Arm abgebissen hatte, waren Haie in den Medien ein omnipräsentes Thema. «Der Sommer des Hais», titelte das Magazin «Time» am 30. Juli.

Der Fall einer Praktikantin

In Washington DC hatte zuvor der Umstand Schlagzeilen gemacht, dass die Ärzte der George Washington University Vizepräsident Dick Cheney in der Nähe der linken Schulter ein Gerät eingepflanzt hatten, das sowohl als Herzschrittmacher als auch als Mini-Defibrillator diente. «Ein starker Mann mit schwachem Herz» titelte der damalige Korrespondent des «Tages-Anzeigers» (TA) und heutige «Journal21»-Autor am 2. Juli.

Doch der Gesundheitszustand des herzkranken US-Vizepräsidenten verblasste neben dem Fall der 24-jährigen Praktikantin Chandra Levy aus Kalifornien, die im April unter ungeklärten Umständen aus ihrer Wohnung in Washington DC verschwunden war und seither vermisst wurde. Einer allfälligen Verwicklung in den Fall verdächtigt wurde der 53-jährige Kongressabgeordnete Gary Condit, den angeblich «ein freundschaftliches Verhältnis» mit der jungen Frau verband. Parallelen zu einer anderen Praktikantin in der Hauptstadt wurden gezogen, die sich mit einem Politiker eingelassen hatte: Monica Lewinsky.

Doch Condit dementierte, mit dem Verschwinden Levys das Geringste zu tun zu haben, und weigerte sich, mit der Presse zu sprechen. Seine Anhänger warfen den Medien vor, den ganzen Fall aufzubauschen, worauf ein TV-Kommentator antwortete: «Jedes Geheimnis ist eine gute Geschichte.» Heute glaubt man zu wissen, dass ein illegaler Einwanderer aus El Salvador Chandra Levy im Rock Creek Part ermordet hat.

Die Bedrohung durch «Schurkenstaaten»

Mitte Juli 2001 bestärkte ein gelungener Test die US-Regierung in ihrem Bemühen, früher als geplant eine Raketenverteidigung (MD) aufzubauen. Wissenschaftler hatten den Test mit dem Versuch verglichen, «eine Kugel mit einer anderen Kugel zu treffen». Zwei der drei früheren Versuche unter Präsident Bill Clinton waren teils kläglich gescheitert.

Zwar gingen die Planer im Pentagon davon aus, dass den USA, anders als im Kalten Krieg, weniger Gefahr von sowjetischen Interkontinentalraketen drohte und Attacken eines «Schurkenstaates» wie Nordkoreas oder des Irak wahrscheinlicher würden. Von einer Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins sprach aber noch niemand.

Am 5. September 2001 sagte der TA-Korrespondent Präsident Bush nach dessen erholsamen Ferien in Texas einen «politisch heissen Herbst» voraus: «Bald dürfte in Washington nur noch ein Thema die Diskussion beherrschen: das liebe Geld respektive der Mangel desselben.» Es ging um das geplante Staatsbudget und die Verteilkämpfe im Kongress. Der Titel des Berichts: «Quadratur des Dollars». Unerwähnt blieb in den Medien der Umstand, dass in Kalifornien die zuständigen Behörden am 4. September einen Algorithmus namens PageRank patentiert hatten, der es Google erlauben sollte, das globale Wissen auf revolutionäre Art zu organisieren und zu teilen.

Gegen Klatsch und Tratsch

Harmloser hingegen war ein Tag vor 9/11 die Meldung im TA, ein Washingtoner Rabbiner habe «verbaler Gewalt und Klatsch» den Kampf angesagt und die gemeinnützige Organisation WordsCanHeal (Worte können heilen) gegründet. Dies nicht zuletzt aufgrund einer Umfrage, wonach 117 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner jede Woche klatschten, sich aber 51 Millionen durch das lose Gerede anderer verletzt fühlten. In der «Washington Post» riet Rabbi Irwin Katsof der Leserschaft, «klatschfreie Zonen» zu schaffen: «Wir werden erbauende statt schlüpfriger Themen finden, über die wir sprechen können.»

Einen Tag später, am 11. September 2001, war alles anders. Von Erbauung keine Spur, stattdessen Erschrecken, Fassungslosigkeit, Panik. In Amerika und auf der ganzen Welt. Nachdem es in New York in der Nacht zuvor noch gewittert hatte, präsentierte sich der Himmel an jenem Dienstagmorgen wolkenlos blau. Um 08.46 Uhr raste eine Boeing 767 der American Airlines mit 97 Menschen an Bord in den Nordturm des World Trade Center (WTC) im Süden Manhattans. 17 Minuten später crashte ein Flugzeug gleichen Typs der United Airlines mit 70 Menschen an Bord in den Südturm des WTC.

Um 09.58 Uhr stürzte der South Tower ein, um 10.28 Uhr der Nordturm. Zuvor war um 09.37 Uhr eine Boeing 757 der American Airlines mit 69 Menschen an Bord in die Westfassade des Pentagon in Washington DC gekracht. Um 10.06 Uhr brachten mutige Passagiere von United Flight 93 ihr Flugzeug mit 47 Menschen an Bord über einem Feld in Shanksville (Pennsylvania) zum Absturz. Bei den Anschlägen von 9/11 starben 2’996 Menschen, und auch die 19 Terroristen, unter ihnen 15 Saudis, die die vier Flugzeuge entführt hatten, überlebten nicht.

«9/11 hat uns verändert», schreibt in der «New York Times»-Kolumnist Charles Blow: «Sept.11 zerschmetterte unser Sicherheitsempfinden, unseren Glauben, dass die Ozeane an unseren Küsten als Schranken und Schutz gegen vielerlei Formen von Aggression dienten.» Die Attacken hätten auch viele Amerikanerinnen und Amerikaner dazu gebracht, ihre Nachbarn – meistens welche aus dem Nahen Osten – auf eine Art und Weise zu fürchten, wie sie das früher nie getan hatten: «Wir waren nicht nur von 19 Hijackern attackiert worden, sondern von einer Kultur, von einer Religion. Unschuldige Amerikanerinnen und Amerikaner wurden durch Assoziation verantwortlich gemacht.»

«Der Angriff auf Amerika»

Der New Yorker Korrespondent des TA und jener in Washington DC berichten am 12. September 2001 unter dem Titel «Der Angriff auf Amerika» auf der Frontseite: «Nach den schwersten Terroranschlägen der Geschichte fragt die Welt in einem Zustand von Entsetzen und Schock: Wer hat das getan?». Der TA-Chefredaktor kommentierte die Attacken unter dem Titel «Krieg der Zivilisationen» und zitierte New Yorks Polizeichef Bernard Kerik, der erklärte, 9/11 könnte der Tag sein, «an dem die USA ihr Glück aufgebraucht haben». 

Zehn Tage nach 9/11 versicherte George W. Bush in einer 34-minütigen Rede vor beiden Häusern des Kongresses der Nation, dass im Konflikt mit den Mächten des Bösen Gott auf der Seite Amerikas stehe: «Möge Gott uns in allem, was vor uns liegt, Weisheit gewähren, und möge er über die Vereinigten Staaten wachen.»

Als der Präsident sprach, ging über Washington DC ein heftiges Gewitter nieder und das Grollen des Donners vermischte sich mit dem Knattern der Rotoren von Helikoptern, die über dem Capitol patrouillierten. Überall in der Stadt wurden Sicherheitsvorkehrungen verschärft und nicht wenige befürchteten einen zweiten Angriff. Inzwischen hatten Umfragen ergeben, dass Amerikanerinnen und Amerikaner seit den Terroranschlägen wieder mehr beteten und häufiger zur Kirche gingen.

Der Start des «Forever War»

Doch George W. Bushs Versprechen blieb ein frommer Wunsch. Weise war es in der Folge seitens Amerikas nicht, in Afghanistan einen Krieg anzuzetteln, der 20 Jahre dauern und jüngst mit der erneuten Machtübernahme der Taliban enden sollte, sowie 2003 unter falschem Vorwand im Irak einzumarschieren und das Land nachhaltig zu destabilisieren. Der «War on Terror» mutierte zum «Forever War», zum nie enden wollenden Krieg, der Hundertausende von Menschenleben und Billionen von Dollar kosten sollte. Wozu? Al-Qaida soll wieder am Erstarken sein und auch der Islamische Staat (IS) ist längst nicht besiegt. Profitiert haben vor allem die Rüstungsbetriebe und die zugewandten Instanzen.

Eine wenig erbauliche Rolle hat nach 9/11 auch Amerikas Presse gespielt. «Die Medien haben sich vom Kriegsfieber anstecken lassen, welches das ganze Land erfasste und das die Regierung Bush anfachte», schreibt Chip Scanlan von der Journalistenschule Poynter Institute in St. Petersburg (Florida): «Ihre Rolle als Wachhunde über Bord werfend, sind sie zu lautstarken Unterstützern der militärischen Rache geworden, die zu den <forever wars> führte.»

Allein die Zeitungskette McClatchy wagte es, den vorherrschenden Konsens im Lande zu hinterfragen und den Mythos zu demontieren, wonach Saddam Husseins Irak Massenvernichtungswaffen besass. Die Kette hat seither ihre Auslandbüros schliessen und Konkurs anmelden müssen. Der Journalismus von heute ist nicht mehr derselbe wie 2001.

567-seitiger Report zu 9/11

«Die amerikanische Regierung muss definieren, was ihre Botschaft ist und wofür sie steht», heisst es im  567-seitigen Report der überparteilichen 9/11-Kommission vom 22. Juli 2004, der den Ursachen und Hintergründen der Anschläge des 11. September auf den Grund gegangen ist (https://www.9-11commission.gov/): «Wir sollten der Welt ein Beispiel für moralische Führung sein, uns verpflichten, Menschen human zu behandeln, den Gesetzen zu gehorchen und unseren Nachbarn gegenüber grosszügig sein … Wir müssen unsere Ideale im Ausland rigoros verteidigen. Amerika steht für seine Werte ein.»

Kommentare

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Immer wenn man Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen auf das World Trade Center liest, weiss mann nicht recht, ob man staunen, lachen oder weinen soll.
Staunen, weil man in der Regel nicht glauben kann, dass jemand den Schwachsinn, der diesbezüglich von interessierten Kreisen im Internet verbreitet wird, heute tatsächlich noch für bare Münze nimmt. Lachen, weil die als vermeintlichen "Beweise" präsentierten Phantastereien und passend zurechtgebogenen Halbwahrheiten meist zu komisch sind, um sie ernst zu nehmen oder gar wissenschaftlich nachvollziehen zu können.
Das Ganze ist Blödsinn. Punkt.
Oder kurz gesagt: Der ehemalige Chef der New Yorker Feuerwehr sagte bezüglich der Verschwörungstheoretiker: "die haben doch eine schraube locker "
Und damit ist das alles auch schon bestens beschrieben.

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