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28. September 2021

Ein Volk ohne Probleme

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Ein Volk ohne Probleme

Von Heiner Hug, 18.12.2020

Urs Meier geisselte in seiner letzten Sprach-Akrobatik den inflationären Gebrauch des Wortes „Herausforderung“. Hier einige zusätzliche Überlegungen.

„Joe Biden steht jetzt vor der Herausforderung, die blauen und die roten Staaten zu versöhnen“, steht in einer Schweizer Zeitung. Oder: „Der selbst ernannte Interimspräsident Juan Guaidó steht vor schweren Herausforderungen.“ Oder: „Auf Pete Buttigieg, den neuen amerikanischen Verkehrsminister, kommen schwierige Herausforderungen zu.“ Und: „Der Streit über Fischereirechte ist jetzt die grösste Herausforderung.“ Und auch: „Tatsächlich stellt die Corona-Krise die Zusammenarbeit von Bund und Kantonen vor ganz neue Herausforderungen.“

Jedes Mal könnte „Herausforderung“ durch „Problem“ ersetzt werden. Joe Biden steht vor dem Problem, die Roten und die Blauen zu versöhnen. Buttigieg wird schwierige Probleme zu lösen haben. Bund und Kantone stehen vor neuen Problemen. Der Streit um die Fischereirechte bei den Brexit-Verhandlungen ist das grösste Problem.

Wir wollen uns nicht mehr eingestehen, dass wir ein Problem haben. Wer ein Problem hat, gibt zu, dass er Schwierigkeiten hat, Ärger vielleicht, Scherereien, Angst, dass er nicht weiterkommt, Angst auch, dass er nicht fähig ist, das Problem zu lösen. Was denken die anderen von mir: „Um Himmels Willen, er hat ein Problem. Wird er damit fertig?“ Wer ein Problem hat ist immer in der Defensive.

Deshalb streichen wir das Wort weitgehend aus unserem Vokabular. Wir ersetzen es durch den Euphemismus „Herausforderung“. Im Gegensatz zu „Problem“ ist „Herausforderung“ positiv behaftet. Da sind wir in der Offensive. Herausforderung bedeutet: es anpacken, es wagen, die Fähigkeit haben, Schwierigkeiten zu überwinden. „Herausforderung“ lässt auf Dynamik schliessen.

Ein richtiger Manager, ein starker Mann, eine starke Frau, hat keine Probleme. Er oder sie sind entscheidungs- und handlungsfreudig, kommunikativ, durchsetzungsstark und können Menschen motivieren. Sie können anpacken und haben natürlich die Fähigkeit, mit einem klaren Ziel vor Augen, alle Schwierigkeiten zu überwinden und die Herausforderungen zu meistern. Für sie ist nichts unmöglich. Sie werden zeigen, was sie können.

So sind wir eine Gesellschaft fast ohne Probleme geworden. Wir haben nur noch Herausforderungen. Übrigens nicht nur im Deutschen: Im Englischen, Französischen und Italienischen wimmelt es von „challenge“, „défi“ und „sfida“.

Als am 13. April 1970 ein Sauerstofftank im Raumschiff Apollo 13 explodierte, funkten die Astronauten zur Erde: „Houston, we have a problem.“ Heute würde es heissen: „Houston, we have a challenge.“

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Die Nomenklatur, wann etwas ein Problem ist oder eine Aufgabe, ist eigentlich klar. Ob nun ein Problem eine Herausforderung sein kann, oder es lediglich die Aufgabe sein kann, das Problem zu lösen? Es ist sowieso besser, Probleme "aufzulösen": sagte einmal in einem seiner vielen hervorragenden Werken Prof. F.Malik. Probleme „aufzulösen“, ist meistens die schönste Herausforderung bei der Lösung technischer "Probleme". In der Technik kann nur unvorteilhafte Anwendung der Naturprinzipien zu unauflösbaren Problemen führen, die dann auch keine Herausforderung, sondern ein sinnloses Unterfangen wären. In dem menschlichen Teil des Lebens ohne Natur-Prinzipien … ist dann wohl immer alles eine Herausforderung, weil, wer die Aufgabe nicht benennt, liegt nachher immer richtig? Vielleicht ist gerade der Mangel an Rückgrat über Benennung von Ursachen und Maßnahmen bei Problemen die Ursache für die von Ihnen sehr treffend bemerkte, Herausforderitis. Ich finde Journal 21 ein hervorragendes Gegenmittel, für „reflektionslose“ Zeiten ohne rückgratvolle Benennung der Probleme. Alles lässt sich verbessern. Man muss es nur benennen und sich die Auflösung zur Aufgabe machen. Dann erst entstehen Herausforderungen. Schön, dass Sie dieses Problem angesprochen haben, mal sehen, was wir -Ihre Leser- im Alltag daraus ableiten können: zumindest noch häufiger Freude am Lesen von J21 zu haben. Das wäre weder ein Problem, noch eine Aufgabe, noch eine Herausforderung, sondern eher immer angenehm. Frohe Feste!.

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